Erster Vereinsbetriebener Dorfladen in Böhlen bangt um Existenz

Thüringer Allgemeine 28.07.2011

 Foto: Alexander Volkmann

Anita Tresselt (l.) kauft jeden Tag im Dorfladen ein, den es schon seit 1930 in der Ortsstraße gibt. Verkäuferin Gabriele Staude (r.) kennt die Wünsche der Kunden und auch ihre Sorgen, denn für einen kleinen Plausch nimmt sie sich immer Zeit.

Thüringens erstes vereinsbetriebene Geschäft mit Modellcharakter in Böhlen im Ilmkreis muss wegen sinkender Umsatzzahlen um seine Existenz bangen. Er soll unbedingt erhalten werden, damit vor allem Ältere einen Anlaufpunkt und eine Einkaufsmöglichkeit haben.

Böhlen. Gabriele Staude schaut auf die Uhr. "Die Anita war noch nicht da", beginnt sich die Verkäuferin Sorgen zu machen.

Anita Tresselt kauft jeden Tag im Dorfladen ein. Foto: Alexander Volkmann

Knapp eine halbe Stunde später, kurz vor 11 Uhr, marschiert Anita durch die Tür. "Ich war doch bei der Grete zum Geburtstag", sagt sie, nimmt einen Einkaufswagen und rollt los.

Täglich kauft Anita Tresselt im Böhlener Dorfladen ein. Sie ist 76 Jahre alt. Sie muss sich und zwei Katzen versorgen. "Manchmal kommt auch die Tochter zum Essen", sagt sie. Der Weg zum kleinen Geschäft in der Ortsstraße ist ihr tägliches Fitnesstraining. Gut 20 Minuten braucht sie. "Manchmal auch länger, je nachdem wen ich unterwegs treffe, um ein Schwätzchen zu halten."

Verkäuferin Gabriele Staude. Foto: Alexander Volkmann

Heute soll es zum Mittag Grüne-Bohnen-Suppe geben. Die Zutaten hat die Seniorin bereits am Vortag gekauft. Morgen will sie Fisch braten. Daher wandern nun eine tiefgefrorene Regenbogenforelle in ihren Wagen, ein Säckchen Kartoffeln, Butter, Quark, Wurst - und natürlich Futter für die Katzen.

"Die Anita kauft viel", weiß Bürgermeister Reinhard Kannich (CDU) und Vorsitzender des Vereins "Bürger für Böhlen". Der Dorfladen im Ilmkreis ist das erste Lebensmittelgeschäft in Thüringen, das von einem Verein geführt wird. 2008 startete das Modellprojekt mit dem Ziel, den älteren Menschen eine Einkaufsmöglichkeit im Ort zu geben. "Am Anfang war es eine Bewegung", so der 54-Jährige. Die Böhlener nahmen die Verkaufsstelle gut an, Umsatzspitzen bis zu 25.000 Euro wurden erreicht. "Doch aus der Bewegung ist Realität geworden", so der Bürgermeister. Denn der Dorfladen muss um seine Existenz bangen.

Klara Luise Hermann (4) kauft mit Oma Anita Hermann gerne im Dorfladen ein. Foto: Alexander Volkmann

Der Grund: Die Betreibungskosten sind gestiegen, die Umsatzzahlen aber gesunken. Viele erledigen ihre Einkäufe in den großen Supermärkten und Discountern, die es in den Nachbarorten gibt. "Wir haben einfach versäumt, Rücklagen für schlechte Zeiten zu bilden", kennt Reinhard Kannich die Fehler, die gemacht wurden. Denn mit den Einahmen finanzierte der Verein den damals gestiegenen Personalbedarf, bis zu fünf Verkäuferinnen waren beschäftigt.

Auch gab es Fehlentscheidungen und Zerwürfnisse im Verein. Mittlerweile spaltet der Streit das gesamte Ilmkreis-Dorf. "Es ist schlimm, dass eine gute Sache durch einige Personen kaputt geredet wird", weiß der Bürgermeister um die Debatten, die oft am Stammtisch geführt werden.

"Heute kann man sagen, dass das Vereinsmodell für Böhlen eine nicht geeignete Variante ist", zieht der Kassenverwalter und Verwaltungsgemeindechef Andreas Bayerdorf Bilanz. Obwohl es in Niedersachsen, Hessen und Bayern gelungene Beispiele gibt, die wirtschaftlich gut florieren. "Damals war uns in der Kürze der Zeit nichts anderes eingefallen", erinnert er sich ans Frühjahr 2008, als der Ladenbesitzer das Geschäft schließen wollte, weil er keine Zukunft mehr sah.

 

Sylvia Unverdorm bei der Bedienung einer Kundin an der Wurst- und Fleischtheke. Foto: Alexander Volkmann

Und dennoch: Der Dorfladen soll weiterleben. Der Vermieter senkte daher die Miete. Eine Verkäuferin muss jetzt entlassen werden, sodass ab 1. August nur noch eine Kraft beschäftigt ist. Die Verkaufsfläche wird verkleinert - von 260 auf 120 Quadratmeter. Und weitere Einsparungen werden bereits diskutiert. "Da der Backofen Strom verbraucht, müssen wir sehen, ob wir noch Brötchen backen oder besser alles vom Bäcker anliefern lassen", so Bayersdorf.

Zwischen 70 und 80 Kunden kommen derzeit täglich in den Dorfladen. Jeder Einzelne sei in der Kasse nachzuvollziehen. So merke man etwa am Umsatz, wenn Familien wegziehen oder ob der Seniorenclub oder die Bank geöffnet haben. Bürgermeister Kannich spitzt das Dilemma zu: "Seitdem die Loni tot ist, bleiben die Salzstangen liegen, und Siegfried trieb früher den Verkauf der Käsebrötchen in die Höhe."

Von den Preisen sei der Laden nicht konkurrenzfähig - aber von der Nähe. "Aufgrund der geringen Mengen bekommen wir kaum Rabatte", erklärt Kannich. Doch beim Fleisch sei man durchaus marktfähig. Denn das Lädchen wird von einigen kleineren Fleischereien der Region beliefert. "Und wir kaufen zum Beispiel Oberschale statt Rouladen", freut sich Kannich, dass es einen Metzgergeselle aus Böhlen gibt, der die Fleischstücke zerteilt und so beim Kostensparen hilft.

"Viele Menschen haben viel Zeit für den Dorfladen geopfert", will der Verein weiter für den Erhalt kämpfen. Vor allem wegen des demografischen Wandels. "Die Alterspyramide von Böhlen steht fast schon auf dem Kopf", weiß der Bürgermeister. 195 der 602 Einwohner sind über 65 Jahre - also 32,5 Prozent.

Und der Laden, in dem es einen Kaffeetisch gibt, ist auch Treffpunkt, Kommunikations- und Informationsbörse. "Wenn jemand seine Kirschen nicht los wird oder Hilfe benötigt, dann wird das hier besprochen", so Kannich. Er hält deshalb diesen Anlaufpunkt für überaus wichtig. Zudem biete der Dorfladen etwas Familiäres. Etwas, das Großmärkte nicht haben. "Es gibt eine Frau im Ort, die sehr vergesslich ist", listet der Bürgermeister einen Fall auf. Wenn sie ein zweites Mal in den Laden kommt, um ein Brot zu kaufen, dann wird sie von der Verkäuferin darauf hingewiesen. "Man passt aufeinander auf", bringt es Reinhard Kannich auf den Punkt.

Andere Lösungen hat der Verein auch abgeklopft. Aber die 54 Mitglieder sehen die Gefahr, dass "eine Firmenzentrale über Wohl und Weh" des Geschäfts entscheidet. Daher wird die Böhlener Verkaufsstelle zunächst vom Verein weiter betrieben. "Spätestens drei Monate nach der Umstrukturierung im August wird sich zeigen, ob sich das Geschäft überhaupt noch rechnet", so der Bürgermeister und Vorsitzende des Vereins "Bürger für Böhlen". Daher sein Appell an die Böhlener Bürger: "Zeigt Solidarität mit den Älteren und kauft mehr im Dorfladen, damit er erhalten werden kann."

Anita Tresselt hat indes die Kasse erreicht. Während sie bezahlt und ihre Sachen im Einkaufstrolley verstaut, schlendert Kannich durch die Regalreihen. Wurst und Brot werden am meisten gekauft, lässt der 54-Jährige wissen. "Kondome sind Ladenhüter", sagt er und mustert eine Packung. Haltbar bis 2014 liest er vor und ist sicher: "Wenn wir da noch bestehen, werden die immer noch da liegen."

Sabine Spitzer / 28.07.11 / TA

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