70 Kikeriki in 30 Minuten

Der neue Sieger-Pokal in der Sammlung von Rassegeflügelzüchter Wilfried Schneider ist fast größer als der kleine Champion selbst. Ein Deutscher Zwerg-Lachshahn hat ihn "erkräht"

Von Sabine Gottfried

Das ist er, der mit dem Siegerpokal geehrte eifrigste Kräher von Rassegeflügelzüchter Wilfried Schneider aus Böhlen, ein schöner bunter Zwerg-Lachshahn. Einen Namen hat er nicht, da er einmal in der Suppe landen wird. Foto: S. Gottfried

Böhlen - Beim jüngsten Hühne-Wettkrähen mit 48 munteren Tieren in Meura hat nicht nur Wilfried Schneider aus Böhlen abgeräumt. Karl-Heinz Macholdt aus Großbreitenbach brachte die zweite Trophäe des Wettstreits mit nach Hause und den Sieger bei den großen Hähnen, seinen schwarzen "Rheinländer".

Macholdt hat die Zahl der Hahnenschreie ganz vergessen, aber Herrn Schneiders "Zwerg" brachte es auf sagenhafte 70 Kikeriki in einer halben Stunde. "Ich hab' mich selbst gewundert, denn er ist grad in der Mauser und sieht ein bisschen ruppig aus", sagt der erfahrene Züchter.

Gern zeigt er seine munteren Zuchtstämme auf dem idyllischen Anwesen in der Böhlener Schwarzmühlerstraße. Lachsfarben und herrlich gezeichnet sind eher die fünf Hennen, der Harem des kleinen buntgesprenkelten Champions. Die 20 drei Monate alten Nachkommen zeigen auch schon wieder verdächtige Siegerqualitäten mit ihrem Gefieder, die Wilfried Schneider vor allem auf Ausstellungen immer wieder Erfolge einbringen. Das höchste Prädikat "vorzüglich" steht auf vielen seiner Auszeichnungen. "Das Wettkrähen einmal im Jahr ist eher so zum Spaß", sagt er.

Liebevoll betrachtet der fast 75-Jährige seine Tierchen, die hier im Grünen nach Herzenslust picken und scharren können. Für die Jungen mischt er gerade wohlriechendes Schrotfutter mit Buttermilch. "Daaaas schmeckt ihnen", strahlt er.

In die Wiege gelegt

Geflügelzucht war Wilfried vom Vater in die Wiege gelegt worden. Der hat 1923 den hiesigen Zuchtverein mitgegründet. Er selbst fand schon mit zehn Jahren Gefallen daran, war bis vor Kurzem auch Taubenzüchter und ließ noch manche anderen Gesellen hier gackern und blöken.

Mit 17 besorgte er sich die ersten Zwerg-Lachshühner, die ihm ausnehmend gefielen. Sie legen auch gut, sagt er, "etwa 130 kleinere, beige Eier im Jahr. Und sie krähen gut! Früh halb vier geht es los. Aber nicht, dass das je einen Nachbarn gestört hätte. Fürs wettstreitmäßige Serien-Krähen gibt es, sagt Schneider, keine besonderen Tricks. Und verrät doch einen: Abends das letzte Mal füttern und das Hähnchen ins Dunkle sperren. Herrn Schneiders "Champion" übt außerdem den ganzen Tag mit einem Partner-Hahn oben auf dem Böhlener Viehberg.

Inzwischen heißt der hiesige Zuchtverein "Böhlen und Umgebung", hat statt 36 Mitgliedern wie in den blühenden 1970-er Vereinsjahren nur noch 16 aus der ganzen Umgebung. Schneider, Glasapparatebläser von Beruf und ab 1987 Chef des Böhlener Schlafzimmermöbelbetriebes, war von 1960 bis 1988 dessen Vorsitzender und ist es heute wieder. Er bedauert den Rückgang bei den Züchtern sichtlich. Auch darum gibt er edle Tierchen zur Weiterzucht oft für nur 17 Euro ab. "Geld verdienste damit nicht. Ich will nur, dass die Rasse erhalten bleibt", sagt er. Es sei eben Hobby. Wer Geld damit machen will, soll es gleich bleiben lassen.

Seine Frau Waltraud murrt auch manchmal ein bisschen, er züchte Tiere, um sie zu verschenken. Auch die Eier. "Verkaufen tu ich keins", ist sein Grundsatz. Die gibt's zuerst für die Familie mit vier Kindern, sieben Enkeln und zwei Urenkeln. Und für die Nachbarn, die kein einziges Ei mehr im Laden kaufen wollen.

Für die Schneiders selbst ist eine ältere Henne in der Nudelsuppe ein Hochgenuss. "Und gesund!", sagt Schneider begeistert. Wie zur Bestätigung kräht der "Champion" im Garten. Einen Namen hat er nicht. "Was einen Namen hat, kann man nicht schlachten", sagt Schneider konsequent. Er ruft sie nur "Komm, Puttchen, komm". Seit über 60 Jahren.

Freies Wort 04.08.11

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